Doppelte Wesentlichkeit einfach erklärt: Bedeutung, Vorgehen und Beispiele
Die doppelte Wesentlichkeit ist eines der zentralen Konzepte der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) – und gleichzeitig eines der am häufigsten missverstandenen. Viele Unternehmen fragen sich:
Was genau bedeutet doppelte Wesentlichkeit? Wie unterscheidet sie sich von der bisherigen Wesentlichkeitsanalyse? Und wie setzt man sie praktisch um?
In diesem Artikel erklären wir die doppelte Wesentlichkeit einfach und Schritt für Schritt.
Was bedeutet doppelte Wesentlichkeit?
Die doppelte Wesentlichkeit betrachtet Nachhaltigkeit aus zwei Perspektiven gleichzeitig:
- Impact-Wesentlichkeit
→ Welche Auswirkungen hat das Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft?
- Finanzielle Wesentlichkeit
→ Welche Nachhaltigkeitsthemen haben finanzielle Auswirkungen auf das Unternehmen?
Ein Thema gilt als wesentlich, wenn es eine oder beide Perspektiven erfüllt.
Warum ist die doppelte Wesentlichkeit so wichtig?
Mit der CSRD geht die EU einen klaren Schritt weiter als bisherige Reporting-Vorgaben. Nachhaltigkeit soll nicht nur beschrieben, sondern systematisch bewertet, dokumentiert und geprüft werden.
Die doppelte Wesentlichkeit ist dabei entscheidend, weil sie:
- die Grundlage für die ESRS-Berichterstattung bildet
- bestimmt, welche Themen berichtet werden müssen
- prüfungsrelevant ist (Audit-Fähigkeit!)
- Nachhaltigkeit strategisch mit Risiken, Chancen und Steuerung verbindet
Kurz gesagt: Ohne saubere doppelte Wesentlichkeit kein CSRD-konformes Reporting.
Die zwei Dimensionen im Detail erklärt
1. Impact-Wesentlichkeit (Inside-Out-Perspektive)
Hier geht es um die Frage:
Wie beeinflusst das Unternehmen Umwelt und Gesellschaft?
Beispiele:
- CO₂-Emissionen und Klimawirkung
- Arbeitsbedingungen in der Lieferkette
- Ressourcenverbrauch
- Auswirkungen auf Biodiversität
Ein Thema ist impact-wesentlich, wenn die Auswirkungen schwerwiegend, viele Menschen oder Fläche betrifft sowie irreversibel sind.
2. Finanzielle Wesentlichkeit (Outside-In-Perspektive)
Hier lautet die Frage:
Wie beeinflussen Nachhaltigkeitsthemen den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens?
Beispiele:
- Klimarisiken (z. B. steigende Energiekosten)
- Regulatorische Risiken (z. B. EU-ETS)
- Reputationsrisiken
- Lieferkettenunterbrechungen
Ein Thema ist finanziell wesentlich, wenn es Umsatz, Kosten, Vermögenswerte oder Finanzierung beeinflussen kann. Die Bewertung ist in EUR zu beziffern und wie in der Risikoanalyse mit Wahrscheinlichkeiten zu versehen.
Doppelte Wesentlichkeit vs. klassische Wesentlichkeitsanalyse
Klassische Wesentlichkeit
- Fokus auf Stakeholder-Erwartungen
- Oft qualitativ
- Kaum prüfungsrelevant
- Freiwillig
Doppelte Wesentlichkeit
- Fokus auf Impact und Finanzen
- Stark daten- & prozessbasiert
- Audit-relevant
- Pflicht unter CSRD
Wie führt man eine doppelte Wesentlichkeitsanalyse durch?
1. Relevante Nachhaltigkeitsthemen identifizieren
- Orientierung an ESRS-Themen
- Branchen- & Unternehmenskontext berücksichtigen
2. Impacts bewerten
- Ausmaß und Schwere der Auswirkungen
- Umfang betroffener Stakeholder und Fläche
- Eintrittswahrscheinlichkeit
3. Finanzielle Risiken & Chancen analysieren
- Kurz-, mittel- und langfristige finanzielle Effekte
- Verbindung zu Strategie und Geschäftsmodell
4. Bewertung & Priorisierung
- Scoring-Modelle nach Vorgabe der ESRS
- Schwellenwerte festlegen
- Dokumentation der Entscheidungen
5. Ergebnisse dokumentieren & validieren
- Nachvollziehbarkeit für Auditoren
- Interne Freigabeprozesse
Typische Fehler bei der doppelten Wesentlichkeit
In der Praxis zeigt sich, dass viele Unternehmen bei der Umsetzung der doppelten Wesentlichkeit ähnliche Fehler machen. Diese führen nicht nur zu unvollständigen Ergebnissen, sondern können im CSRD-Kontext auch prüfungsrelevant werden.
Fokus nur auf finanzielle Risiken
Viele Unternehmen betrachten Nachhaltigkeit weiterhin primär aus einer finanziellen Perspektive – etwa mit Blick auf Kosten, regulatorische Risiken oder Reputationsschäden. Dabei wird die Impact-Wesentlichkeit vernachlässigt. Die CSRD verlangt jedoch ausdrücklich, auch die Auswirkungen des eigenen Handelns auf Umwelt und Gesellschaft systematisch zu bewerten. Wer diese Perspektive auslässt, erfüllt die Anforderungen nicht vollständig.
Keine klare Trennung der beiden Dimensionen
Ein häufiger Fehler ist, Impact- und finanzielle Wesentlichkeit miteinander zu vermischen oder gemeinsam zu bewerten. Für Unternehmen wird dadurch nicht mehr nachvollziehbar, warum ein Thema als wesentlich gilt – und aus welcher Perspektive. Für Prüfer fehlt dann eine saubere Argumentationslinie. Die beiden Dimensionen müssen getrennt bewertet und anschließend transparent zusammengeführt werden.
Fehlende Dokumentation der Bewertungslogik
In vielen Unternehmen werden Bewertungen informell getroffen – etwa in Workshops oder Meetings – ohne die zugrunde liegende Logik sauber zu dokumentieren. Unter CSRD reicht ein Ergebnis allein nicht aus. Unternehmen müssen nachvollziehbar darlegen können, wie Bewertungen zustande gekommen sind, welche Kriterien angewendet wurden und wer beteiligt war. Ohne diese Dokumentation fehlt die Audit-Fähigkeit.
Excel-basierte Einzelanalysen ohne Audit-Trail
Excel wird häufig als zentrales Werkzeug genutzt – verteilt über verschiedene Abteilungen und Versionen. Das führt zu Inkonsistenzen, fehlender Nachvollziehbarkeit und hohem manuellen Aufwand. Vor allem fehlt ein durchgängiger Audit-Trail, der zeigt, wann Daten geändert wurden und von wem. Für Unternehmen wird es so schwierig, die doppelte Wesentlichkeit dauerhaft und revisionssicher zu managen.
Keine Einbindung relevanter Abteilungen
Die doppelte Wesentlichkeit ist kein reines Nachhaltigkeitsprojekt. Wenn nur einzelne Teams (z. B. Sustainability oder Compliance) eingebunden sind, bleiben wichtige Perspektiven unberücksichtigt – etwa aus Einkauf, HR, Risikomanagement oder Finanzen. Unternehmen laufen so Gefahr, relevante Impacts oder Risiken zu übersehen und ihre Analyse unvollständig aufzusetzen.
Warum Software bei der doppelten Wesentlichkeit entscheidend ist
Die doppelte Wesentlichkeit ist kein einmaliger Workshop, sondern ein strukturierter, wiederholbarer Prozess. Genau hier stoßen manuelle Lösungen schnell an ihre Grenzen.
Mit einer Software wie cubemos können Unternehmen:
- Nachhaltigkeitsthemen strukturiert erfassen
- Impact- und finanzielle Wesentlichkeit sauber trennen
- Bewertungen, Scores und Entscheidungen dokumentieren
- Stakeholder und Abteilungen einbinden
- Audit-sichere Nachweise für CSRD-Prüfungen schaffen
So wird aus einer komplexen Pflicht ein klar steuerbarer Prozess.
Fazit: Doppelte Wesentlichkeit verständlich & umsetzbar
Die doppelte Wesentlichkeit ist das Herzstück der CSRD. Wer sie sauber aufsetzt, schafft:
- Klarheit über relevante Nachhaltigkeitsthemen
- Sicherheit für das Reporting
- Eine fundierte Grundlage für strategische Entscheidungen
Unternehmen, die frühzeitig auf strukturierte Prozesse und geeignete Tools setzen, sparen langfristig Zeit und Kosten.


